Meiner Meinung nach gibt es im Leben nichts komplizierteres, als das Thema Beziehungen. Seit vielen Jahren jage ich im Beziehungsdschungel dem Geheimnis des verborgenen Beziehungs-Schatzes hinterher und halte stets die Schatzkarte mit der richtigen Richtung in der Hand. Wirklich angekommen bin ich dort nie und auch dem Geheimnis bin ich nicht auf die Spur gekommen. Natürlich ist dies nur eine Metapher für die unzähligen Beziehungsratgeber die ich gelesen habe und für den Weg auf den man sich begibt, die Beziehung zu sich selbst und zu seinem Partner nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern sie mit Glück, Liebe und Geborgenheit zu füllen.
Dass die Methoden meiner persönlichen Erfahrung nach, nicht immer die richtigen waren, muss ich leider bestätigen. Aber wie geht man die Dinge richtig an? Wie streitet man richtig? Wie verhält man sich in unangenehmen Momenten richtig? Wie wird man für seinen Partner der Mensch, den er sich wünscht ohne dabei sich selbst zu verlieren? Viele Fragen aus dem sich unendlich scheinenden Beziehungsdschungel. Warum also nicht eine professionelle Seite befragen, die es versteht dem ganzen aus einer nüchternen Sichtweise und mit wissenschaftlichen Beispielen zu begegnen?
Hierfür habe ich mit der Münchner Paartherapeutin Juliette Boisson gesprochen, die nicht nur sich selbst und dem ganzen Kosmos der Beziehungen auf einer humorvolle Art begegnet, sondern das Zusammenspiel von Mann und Frau genauestens unter die Lupe zu nimmt.
An welchem Punkt wussten Sie, dass Sie Paartherapeutin werden wollen?
Durch meine Familie hatte ich immer einen starken Bezug zur Wirtschaft. Ich habe BWL studiert und meinen Master gemacht. Ein Studiengang der grundsätzlich ja eher wenig mit Psychologie zu tun hat. Nach meinem Studium habe ich drei Jahre lang gearbeitet bis ich an einen Punkt kam, an dem ich mir dachte: Irgendwie fühle ich mich nicht zu 100% wohl bei dem was ich mache. An dieser Stelle meines Lebens war ich dann einfach mal verrückt und nach unendlichen Brainstormings und verrückten Ideen, entschied ich mich dafür, dem nachzugehen was schon seit Jahren große Neugier in mir weckte. So wurde ich Beziehungstherapeutin.
Macht Ihnen ihr Beruf trotz vieler unangenehmer Themen Spaß?
Ich muss sagen, den Beruf habe ich mehr aus Interesse als aus Überzeugung gewählt. Ich war schon immer fasziniert davon, warum manchen Beziehungen scheitern und die anderen ein Leben lang halten. Dem wollte ich auf den Grund gehen und das macht mir seither sehr viel Spaß.
Grundsätzlich kann man sagen, es ist ein einsamer Beruf. Man bekommt von seinen Klienten wenig Feedback und muss sich auch selbst oft aus einem Loch holen können. Jedoch geben mir die positiven Erlebnisse jedes mal aufs neue Mut und zeigen mir dass, das die richtige Entscheidung war.
Eine Beziehung sollte ... sein? Drei Worte.
Das ist schwer. Es gibt einfach so viele verschiedene Menschen und so viele verschiedene Arten von Beziehungen und für jeden Menschen zählen andere Dinge in einer Beziehung. Aber grundlegend, würde ich sagen:
Eine Beziehung sollte mit Toleranz und Akzeptanz versehen sein.
Eine Beziehung sollte Vertrauen hervorbringen.
Eine Beziehung sollte humorvoll sein.
Was sind einfache und grundlegende Dinge, die eine gute Beziehung voraussetzt?
Konfliktfähigkeit und Kommunikation. Man sollte sich selbst nicht so ernst nehmen und Toleranz und Akzeptanz für die Macken seines Partners haben. Man sollte in der Lage sein, auch die kleinen Dinge und Aufmerksamkeiten des Partners wertzuschätzen, auch wenn Sie bereits "Gewohnheit" sind.
Ganz wichtig: Man sollte sich und dem Partner Freiraum gönnen. Wir benötigen in unseren Beziehungen alle Nähe und Distanz. Dieses Spannungsfeld, muss im Laufe einer Beziehung immer wieder neu justiert werden.
Man sollte sich auf Augenhöhe begegnen aber auch mal das Ruder aus der Hand geben können. Sich darüber freuen, wenn der Partner eben mit manchen Dingen oder Situationen besser umgehen kann und diese dann auch in die Hand nimmt.
Durch was wird allgemein die Partnerwahl beeinflusst?
Dazu gibt es viele Theorien und sicherlich viele Faktoren die eine Rolle spielen.
In der Psychoanalyse spielen die Kindheit und die Ursprungsfamilie spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle. Ü̈berspitzt dargestellt suchen Frauen zum Beispiel oft einen Mann, der Ihrem Vater ähnlich ist oder ins andere Extrem umschlägt. In psychoanalytischen Erklärungsansätzen suchen wir im Partner auch nach etwas, dass die Wunden aus der Kindheit oder schlechten Erfahrungen heilt. Wenn wir immer an die gleiche Art von Partner geraten, gilt es zu überlegen welche Lebensthemen man angehen sollte, das heißt welche Konflikte man mit sich selbst zu lösen hat.
Wir suchen auch oft Partner, die sich von ihrem Vorgänger unterscheiden und uns in unserer Entwicklung einen Schritt weiterbringt. Schlechte Erfahrungen die wir aus der letzten Beziehung verkraftet haben, führen uns oft dazu im neuen Partner auf genau diese Faktoren aufzupassen.
Bildung und Beruf sind heutzutage auch wichtige Punkte. Mann und Frau möchten auf Augenhöhe heiraten, man sucht nach Gleichgesinnten und aus dem gleichen sozialen Umfeld stammenden Partnern. Gleichzeitig bewundern Frauen weiterhin gern ihren Partner und möchten nach oben schauen. Männern sind die Wohlfühleigenschaften an einer Frau wichtiger. Mehr als zwei Stufen über der eigenen sozialen Schicht zu heiraten, war und bleibt eher die Ausnahme.
Was ist der wohl häufigste Grund, warum Beziehungen scheitern?
Ganz klassisch: "Wir haben uns auseinander gelebt."Das passiert einfach, wenn man über die Jahre den emotionalen Kontakt zum Partner verliert. Oft sind wir von Beruf, Familie und sonstigen Multi-Tasking so absorbiert, dass wir den anderen einfach aus den Augen verlieren.
Oft fehlt auch einfach nur die Kommunikation in einer Beziehung. Paare die denken, sie würden sich blind verstehen und aufhören miteinander über tägliche und belanglose Dinge zu reden, verlieren sich oft. Man sollte deshalb immer viel miteinander kommunizieren, dann ist man auch in Krisen gut gewappnet. Fragen Sie ihren Partner doch mal was seine Lieblingsspeise ist, die Chancen stehen recht gut, dass es nicht mehr die gleiche wie vor 5 Jahren ist.
Wie kann man das „Auseinanderleben“ verhindern?
In einer Beziehung sollte man stets bemüht sein, in Kontakt mit seinem Partner zu stehen. Man sollte über seine Sehnsüchte, Ängste, Träume und alles was den Partner bewegt bescheid wissen.
Jedoch sollte man sich trotzdem auch einmal bewusst zurückziehen und dem Partner seinen Freiraum geben.
Beinahe 50 Prozent aller Ehen werden wieder geschieden, woran denken Sie liegt Das? Immer häufiger lassen sich auch Ehepaare Ü50 scheiden, wieso?
Hier sind sicherlich einige Faktoren zu nennen, die dabei eine Rolle spielen.
Die Generation unserer Großeltern ist in der Regel der Ansicht: Bis das der Tod uns scheidet. Auch ist diese Generation noch viel mehr von der Abhängigkeit gezeichnet (vor allem die Frauen). Sich zu trennen würde nicht nur die existenzielle und finanzielle Sorge mit sich bringen, sondern auch moralischer Selbstmord bedeuten.
Auch Kinder spielen eine große Rolle. Kinder nehmen der Beziehung nachweißlich Qualität, geben Ihr aber Stabilität. Das heißt, Eltern sind weitaus weniger bereit sich zu trennen als kinderlose Ehepaare.
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 30 Jahren aber drastisch geändert. Früher verdiente der Mann das Geld, die Frau blieb daheim. Die Frau von heute jedoch verdient ihre eigenen Brötchen und ist nicht zwingend auf den Mann angewiesen. Wir brauchen den anderen also nicht mehr zwingend, das macht es einfacher zu gehen.
Bei Paaren zwischen 50 und 60 Jahren kann man noch ein anderes Phänomen beobachten: Oft fehlt den Paaren die gemeinsame Aufgabe, wenn die Kinder aus dem Haus sind und Sie merken, dass Sie keine gemeinsamen Ziele mehr haben. Die Frauen, werden als Mütter nicht mehr gebraucht. Gleichzeitig gehen die Ehemänner in Rente und Ihre Rolle als "Verdiener" und "Beschützer" ist aufgehoben. Diese Paare müssen sich in Ihren Rollen neu ordnen. Und scheitern leider auch häufig dabei.
Wie kann man seine Einstellung zu Beziehungen ändern?
Das ist ein Prozess der immer von einem selber ausgehen muss. Für andere werden wir uns nicht ändern und unsere Einstellung zur Beziehung auch nicht. Als wichtigste Voraussetzung müssen wir also selber wollen und uns selbst treu bleiben. Zusätzlich ist es hilfreich sich stets vor Augen zu führen, was man von einer Beziehung erwartet und seine Erwartungshaltung ggf. herunter zu schrauben.
Des weiteren sollte man sich ebenfalls über seine eigenen Befindlichkeiten im klaren sein, seine Macken und Schwächen akzeptieren und sich eingestehen, dass diese für den Partner eventuell nicht ganz leicht zu handeln sind.
Wie streitet man richtig?
Hier gibt es wie so oft auch keine Regeln. Es gibt Paare die streiten nie, andere spüren sich wiederum nur dann, wenn sie heftig streiten um sich hinterher wieder versöhnen zu können.
Grundsätzlich hat ein Streit oft mit Recht haben wollen zu tun. Wir haben in unserer eigenen Realität immer Recht, doch die Kunst ist es, die Realität des anderen nicht zu ignorieren, sondern darauf einzugehen. Jeder Mensch möchte gehört werden! Werden wir hingegen von unserem Gegenüber angegriffen, reagieren wir mit Abwehr und Verteidigung.
Konfliktfähigkeit heißt zuhören, ehrlich und emphatisch, versuchen zu verstehen woher der andere kommt, die Meinung des anderen stehen lassen zu können auch wenn man sie nicht teilt und seinen Standpunkt, der ein anderer ist selber artikulieren. Wer sich gehört fühlt, wird auch mehr Bereitschaft dazu haben dem anderen zu zuhören.
Wie unterscheiden sich eigentlich Beziehungen zwischen Mann und Mann / Frau und Frau zu denen zwischen Mann und Frau?
Nicht viel, glaube ich. Homosexuelle Paare treffen auf ähnliche Herausforderungen in der Partnerschaft. Erschwerend kann aber hinzukommen, dass Homosexualität allgemein noch nicht in der Gesellschaftsmitte angekommen ist. Dies kann das Paar aber auch stärker machen. Ich denke aber die grundlegenden Konflikte sind die gleichen.
Die grundlegenden Streitpunkte wie Eifersucht oder ähnliches sind gleich.
Kommen Sie als Therapeutin auch mal an Ihre Grenzen?
Klar. Auch ich habe Befindlichkeiten, die Sogenannten blinden Flecken. Themen die ich mit mir selbst rumschleppe und für mich selbst nicht geklärt und verarbeitet habe, machen sich dann zum Beispiel bemerkbar, indem ich mit einem Paar während einer Sitzung nicht vorankomme.
Dann muss ich selber in mich reinschauen und das ergründen. Dann gehen ich in die Supervision oder Intervisiion bei anderen Therapeuten und schaue nach diesem "blinden Flecken", versuche Sie aufzuarbeiten.
Allgemein ist der Beruf sehr kräftezehrend. Ich muss mehr als andere Berufsgruppen darauf achten, dass es mir mental gut geht, da ich keine Kollegen habe, die mir sofortige Entlastung verschaffen können und ich natürlich anderen schlecht helfen kann wenn es mir selber nicht so gut geht.
Schaffen Sie es auch die Tipps die Sie geben Privat umzusetzen?
Klar! 100% ich bin perfekt. (..lacht..)
Natürlich nicht. Auch ich bin ein Mensch mit Stärken und Schwächen. Mit dem Partner ist es natürlich nicht immer einfach, wenn er das Gefühl hat, die Therapeutin spricht aus mir.
Man ist sich jedoch vieler Dinge einfach bewusster und kann somit gezielter daran arbeiten.
Vielen lieben Dank Frau Boisson, für diese erhellenden Worte!
http://paartherapie-liebeskummer-muenchen.de/
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